Geschichte der Gerber in Metzingen

Nachdem in Metzingen immer mehr Gerbereien gegründet wurden, die zum Gerben auf Lohe aus Rinden angewiesen waren, gründeten sie 1839 die Lohmühle-Genossenschaft. Dieser konnte jeder Gerber beitreten. Zur Lohmühle wurde ein großer Rindenschuppen gebaut, in dem jeder Gerber ein oder mehrere Fächer erwerben konnte, in denen er seine Rinden (Fichtenrinde aus dem Schwarzwald und Oberschwaben sowie Eichenrinde aus Luxemburg und Ungarn) lagern konnte. Die Lagerung war notwendig, weil im Frühjahr, wenn der Saft in die Bäume steigt, der Gerbstoffgehalt höher ist als zu anderen Jahreszeiten. Die Genossenschaft hatte hierfür zwei Pferde und einen großen Lastenwagen, mit dem Rinde vom Bahnhof in den Rindenschuppen verfrachtet wurde. Sie beschäftigte über zwei Generationen die Familie Graser, die für die Gerber die anfallenden Lohmühlearbeiten erledigte. Des weiteren wurde in der Lohmühle eine Hammerwalke installiert, damit die Weissgerber ihre Reh- und Hirschfelle walken konnten. Die Energie für die Mühlenanlagen sowie die Hammerwalke und für die umliegenden Gerbereien wurde aus einer eigens 1898 gebauten Voith- Francesturbine erzeugt. Somit besaßen die Gerber als erste in Metzingen eine Stromquelle, die sie bei Nacht und an Sonntagen der Kirche und dem Hotel Sprandel – natürlich entgeltlich – zur Verfügung stellten.

Die Weltwirtschaftskrise raffte einige Gerbereien in Metzingen nieder. Damit begann eine Selektion unter den Gerbereien. Nachdem die Nationalsozialisten ans Ruder kamen, wurde wieder viel Leder gebraucht ( Stiefel, Geschirr – und Handschuhleder). Die Branche in Metzingen blühte kurzfristig wieder auf, lag aber nach dem verlorenen Krieg am Boden. In den 50iger Jahren ( Wirtschaftswunder) hatten die verbleibenden Gerber viel zu tun, aber schon in  den 60iger Jahren konnten sie mit den Löhnen der metallverarbeitenden Industrie ( Daimler, Bosch) nicht mehr mithalten. Italien, das damals billiger produzieren konnte, war ein Markt, dem viele nicht gewachsen waren. So schloss eine Gerberei nach der anderen.

Die Bedeutung der Lohmühle wurde auch durch die neue Technik geschmälert, indem die Firma Deka in Karlsruhe Hölzer und Rinden aus Südamerika und Südafrika zu Gerbstoffen extrahierte, die wesentlich höhere Gerbstoffgehalte aufwiesen als unsere heimischen Rinden. Die Mechanisierung der Lederherstellung ging weiter und so konnten sich selbst kleine Gerber, die bis dahin in Gruben ihre Leder bis zu 12 Monate lang gerbten, ein Holzfass kaufen und damit die Gerbdauer wesentlich verkürzen. Danach wurde die Lohmühle nicht mehr gebraucht. Teile des Gebäudes wurden an den Aluminiumkochtopfhersteller Groß verpachtet, andere Teile bezog die Putztuchweberei Metzingen. Im oberen Teil der Lohmühle wurden durch einfache Sperrholzplatten Zimmer geschaffen, in denen Gastarbeiter der Baufirma Knecht untergebracht wurden. Anfang der 60iger Jahre wurde der Genosse Hauber mit Grund und Boden und einer kleinen Apanage entschädigt und somit entstand die Lohmühle-Gesellschaft GmbH von Otto und Otto jun. Schmid. Jetzt war der Weg frei, für die Gerberei eine neue Wasserwerkstatt auf dem Gelände zu bauen.

Nachdem der Niedergang der pflanzlichen Gerbung durch die Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts vorprogrammiert war, konnten clevere Geschäftsleute innerhalb weniger Wochen aus einer Kuhhaut fertiges Schuhoberleder produzieren. Dies war revolutionär für die Branche, jedoch die kleinen Bauerngerber sträubten sich aus Unwissenheit gegen diese Technik. Nur einige wenige Kämpfer überlebten diese Situation. Durch das Umdenken, das erst seit wenigen Jahren in unserer Gesellschaft stattfindet, überlegen sogar namhafte Automobil- und Modehersteller sich wieder an althergebrachte vegetabil gegerbte Leder heranzuwagen. Durch die Tatsache, dass wir dieses Metier nun seit über 125 Jahren über Weitergabe von Techniken und Rezepturen gepflegt haben, ist unser Vorsprung gegenüber den Chromgerbern weit überlegen und wir rechnen uns aus dieser Tatsache weitere Chancen für das Überleben unserer kleinen Gerberei aus.

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